ANNA MARGARETE VAN DELDEN (1858-1938). Zur Biographie einer bedeutenden Krankenschwester

Hubert Kolling


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts steckte die evangelisch-weibliche Diakonie in einer inneren und äußeren Krise. Einerseits entsprachen die patriarchalischen Formen, die die Mutterhausdiakonie angenommen hatte, nicht mehr allenthalben den Bedürfnissen der jungen Frauengeneration, andererseits wuchs - infolge der neuen Sozialversicherung und der dadurch bedingt vermehrten Zahl an Krankenhausbetten - der Bedarf an Krankenschwestern. An dem in dieser Situation von dem Theologieprofessor Dr. Friedrich Zimmer (1855-1919) am 11. April 1894 in Elberfeld, Wuppertal, gegründeten "Verein zur Sicherstellung von Dienstleistungen der evangelischen Diakonie" (später: "Evangelischer Diakonieverein"), der die gebildete Frau für die Arbeit in der Diakonie gewinnen und zur Behebung des Mangels an gut ausgebildeten Krankenpflegerinnen beitragen sollte, und dessen Weiterentwicklung hatte Anna Margarete van Delden ganz erheblichen Anteil.

Anna Margarete van Delden wurde am 10. Dezember 1858 als Tochter des Kaufmanns Johann Georg van Delden und dessen Frau Emma geborene Barth in Leer (Ostfriesland) geboren. Sie hatte eine zwei Jahre ältere Schwester und einen fünf Jahre jüngeren Bruder. Vom sechsten bis fünfzehnten Lebensjahr besuchte sie die "Höhere Töchterschule". Nachdem sie im Alter von 16 Jahren durch Taufe in die evangelisch-mennonitische Gemeinde aufgenommen worden war, lebte sie ein Jahr in der evangelischen Pfarrfamilie in Bad Meinberg, wo sie in Französisch, Englisch, Mythologie, Kunstgeschichte sowie im Haushalt weitergebildet wurde. Danach übernahm sie für neun Jahre die Leitung des elterlichen Haushalts. Ihre Absicht, die Krankenpflege zu erlernen scheiterte, da sie für die nächsten vier Jahre bei Verwandten in Gronau (Westfalen) den Haushalt führen mußte. Am 1. November 1891 trat Anna Margarete van Delden, deren Persönlichkeit von Zeitgenossen mit klarem Weitblick, regem Geist und Tatkraft, Sinn für Redlichkeit und Humor sowie voll echtem, natürlichen Christenglauben beschrieben wird, dann als Stationsschwester in die Schwesternschaft des St. Jürgenhospital ("Irrenanstalt") in Bremen ein, in dem eine Cousine von ihr Oberin war. Neben der Pflege von "Geisteskranken" arbeitete sie nun in der Chrirugie-Orthopädie sowie in der Frauenklinik. Am 1. Mai 1894 wurde sie Oberin im Städtischen Krankenhaus in Elberfeld, ein Amt, das sie bis zu ihrem Ruhestand 1934 bekleidete. Noch im selben Jahr übernahm Anna Margarete van Delden die Leitung des ersten, dort am 1. Juli 1894 eröffneten Diakonieseminars zur Ausbildung von 10 aus 400 Bewerberinnen ausgewählten Diakonieschwestern. Zusammen mit Friedrich Zimmer entwickelte sie nicht nur eine Ausbildungsordnung für den einjährigen Kursus in der Krankenpflege, der mit einem "Hausexamen" abschloß und über das die Schülerinnen ein Zeugnis erhielten, sondern auch den Gedanken des "Schwesternverbandes", d.h. die Verbindung der Aufnahme in den Verband mit einer kirchlichen Einsegnung. Am 6. Oktober 1895 war es dann soweit: Mit der Einsegnung von elf Diakonieschwestern in der Dorfkirche in Werdorf bei Herborn (Hessen), zu denen auch Anna Margarete van Delden gehörte, erfolgte die Gründung der Verbandsschwesternschaft. Die Anregung wie auch die Mitarbeit an Form und Material der den Schwestern hierbei verliehenen "Diakonierose" als Brosche, ebenso wie die Wahl des "Vereinsspruchs", geht maßgeblich auf Anna Margarete van Delden zurück.

Die theoretische wie praktische Ausbildung in der Krankenpflege war Anna Margarete van Delden ein großes Anliegen. Besonders wichtig war ihr hierbei nicht nur der medizinische Unterricht der Schülerinnen durch die Ärzte, sondern auch die praktische Unterweisung am Krankenbett durch die Stationsschwestern (später sogenannte "Seminarstationsschwestern"). Außer gründlichen Kenntnissen in der Krankenpflege sollte das Pflegepersonal auch "Kenntnisse auf sozialem Gebiete" erwerben, "denn ganz trennen läßt sich die Krankenpflege und die soziale Arbeit überhaupt nicht; in vielen Punkten berühren sie sich immer. Das Ideal ist also die soziale Krankenpflegerin und die auch in der Krankenpflege ausgebildete Jugendleiterin, nur mit dem Unterschied, daß bei der ersten der Schwerpunkt in den Kenntnissen der Krankenpflege liegt und bei der anderen auf sozialem Gebiete". Zeitgenössischen Berichten zufolge war Anna Margarete van Delden "die Mutter ihres Schwesternkreises", die die Gemeinschaft mit ihren Schwestern sehr pflegte. Wie von sich selbst, so verlangte sie auch von ihren Schwestern selbstverständliche Verläßlichkeit, Einsatzbereitschaft und Verantwortungsbewußtsein, teilte angeblich aber auch mit jeder einzelnen Freude und Leid ihres Lebens. Sie war eine Gegnerin der "Bubenköpfe"; Theater-, Konzert und Kinobesuche hielt sie für überflüssig. Ihr Selbstverständnis von der Krankenpflege kommt zum Ausdruck wenn sie schreibt: "Die Anrede 'Schwester' gibt uns die Ehre unserer Stellung, wir sind immer die Schwester dererer, mit denen uns das Leben zusammenbringt. Sie haben alle das Recht, Bestimmtes von uns zu erwarten, das eben, was zum Wesen und zur Arbeit der Schwester gehört. Geben wir das nicht, dann bringen wir uns selbst um unsere Ehre. Ich möchte sagen, in diesem Gebendürfen an alle liegt unsere rechtliche Stellung."

Neben ihrem Amt als Oberin und Seminarleiterin war Anna Margarete van Delden nicht nur wiederholt Mitglied im Verwaltungsrat des Evangelischen Diakonievereins, sondern auch Vorsitzende im Vorstand einer von ihr mitbegründeten "Hauswirtschaftliche(n) Fortbildungsschule" für Volksschülerinnen. Ferner gründete sie 1909 den "Samariterbund" der evangelischen Frauenhilfe mit und war im Vorstand des "Hauspflegeverein". Als das Preußische Kultusministerium sich mit der Frage einer staatlichen Prüfungsordnung für Krankenpflegerinnen zu beschäftigen begann, nahmen Anna Margarete van Delden und Professor Friedrich Zimmer an den Beratungen teil, und das von ihnen entwickelte Konzept hatte maßgeblichen Anteil an der am 1. Juni 1906 in Preußen in Kraft tretenden staatlichen Prüfungsvorschrift.

1895 nahm Anna Margarete van Delden am Kongreß für Innere Mission in Posen teil, auf dem es um das Verhältnis zwischen Mutterhäusern und dem Evangelischen Diakonieverein ging. Auf demselben Kongreß 1909 in Stuttgart trat sie als Referentin auf, wobei sie sich mit der Kritik am Evangelischen Diakonieverein auseinandersetzte. Im Juni 1926 hielt sie einen Vortrag beim Zweiten Evangelischen Kirchentag in Essen zum Thema "Was erwatet die evangelische Gemeinde in unserer Notzeit von der evangelischen Schwesternschaft?", der in den "Blätter(n) aus dem Evangelischen Diakonieverein" (30. Jg., 1926, S. 171-173) veröffentlicht wurde. Daneben hat sie weitere Publikationen hinterlassen. In der Juli-Ausgabe 1903 der "Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein" ging sie der Frage "Wie erhalten wir uns arbeitsfähig?" nach. Für den von Johanna Mecke herausgegebenen "Leitfaden der Berufskunde" steuerte sie den Aufsatz "Ein Einjährig-Freiwilligenjahr in der Krankenpflege des Ev. Diakonievereins" (Bamberg 1913, S. 158-162) bei und für die von Gottlob Großmamm herausgegebene Festschrift "Der Ev. Diakonieverein e.V." schrieb sie den Beitrag "Der Geburtstag des Ev. Diakonievereins" (Berlin-Zehlendorf 1919, S. 14-16).

Anna Margarete van Delden, bei der es sich um eine bedeutende Gestalterin der diakonischen Krankenpflege handelt, die von der historischen Pflegeforschung bislang zu wenig Beachtung fand, wirkte als Seminar- und Bezirksoberin weit über ihren Kreis hinaus auf die bald entstandenen Tochterseminare an anderen städtischen Krankenhäusern (Zeits, Erfurt, Magdeburg-Sudenburg). Nachdem sie am 1. Juli 1934, im 76. Lebensjahr stehend, ihrer Nachfolgerin - Ursula Sander (1897-1961) - die Arbeit übergeben hatte, inzwischen waren rund 1600 Diakonieschülerinnen durch die von ihr geleitete Schule gegangen, bezog sie eine Wohnung im Altenpflegeheim Wuppertal-Elberfeld (Neviandstr. 85). Unerwartet schnell und ohne besondere Krankheit starb Anna Margarete van Delden am 4. Oktober 1938. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie nach Leer überführt und im Familiengrab beigesetzt. Die Diakonie-Schwesternschaft ehrte das Andenken an Anna Margarete van Delden, indem sie der eigenen Klinik in Berlin-Zehlendorf ("Altes Heimathaus") im Jahre 1954 ihren Namen gab ("van Delden-Klinik"). Daneben erhielt eine im Jahre 1964 ins Leben gerufene neue Form der Krankenpflegeausbildung für Abiturientinnen die Bezeichnung "van Delden-Seminar".



Quellen:

Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848-1998. Im Auftrag des Deutschen Historischen Museums und des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben von Ursula Röper und Carola Jüllig. Jovis, Berlin 1998, S. 144, 155, 346

Erinnerungen zum 100. Geburtstag unserer Frau Oberin van Delden am 10. Dezember 1958. In: Die Diakonieschwester, 54. Jg., Dezember 1958, S. 227-233

Frau Oberin van Delden wird interviewt. In: Die Diakonieschwester, 50. Jg., Dezember 1954, S. 139-140

Katscher, Liselotte: Geschichte der Krankenpflege. Ein Leitfaden für den Schwesternunterricht. Christlicher Zeitschriftenverlag, Berlin 1957, S. 92-99

Katscher, Liselotte: Krankenpflege und "Drittes Reich". Der Weg der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins 1933-1939. Zweite Auflage. Diakonie-Verlag, Reutlingen 1994, S. 272

Kracker, Ingrid von: Was wir ihnen danken (37): Oberin Anna Margarete van Delden. In: Die Diakonieschwester, März 1973, S. 60-61

Margarete Czwalina: Unsere Frau Oberin van Delden. Verlag des Evangelischen Diakonievereins e.V., Berlin 1940

Sander Ursula [Hrsg.]: Frau Oberin van Delden spricht zu uns. Sonderdruck aus "Die Diakonieschwester", Oktober/November 1954 [16 Seiten]

Schomerus, Hanna: Diakonie im Aufbruch. Drei Lebensbilder aus den Anfängen des Ev[angelischen] Diakonievereins und seiner Schwesternschaft (= Buch- und Schriftenreihe aus der Evangelischen Diakonie, Bd. 9). Christlicher Zeitschriftenverlag, Berlin-Friedenau 1961, S. 61-78



Der Autor, Jg. 1960, Krankenpfleger, Dipl-Pädagoge und Dipl.-Politologe, Dr. phil., arbeitet beim Bundesamt für den Zivildienst (Köln) als Dozent an der Zivildienstschule Staffelstein und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der pflegehistorischen Biographieforschung.


back home