ELISABETH MALO (1855-1930) und ihre Bedeutung für die Krankenpflege

Hubert Kolling


Elisabeth Malo wurde am 9. Januar 1855 in Prattau bei Wittenberg als zweites Kind einer Lehrerfamilie geboren. Sie hatte noch einen zwei Jahre älteren Bruder (Johannes Fürchtegott) und eine drei Jahre jüngere Schwester (Maria). Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr wurde sie "vom Vater privatim unterrichtet", danach kam sie zu einem Onkel in Pension, der in der Nähe von Berlin Pastor war. Später besuchte sie die Höhere Töchterschule in Wittenberg; nach 1870 lebte sie dann, wie die meisten bürgerlichen Frauen dieser Zeit, im Hause der Eltern ohne eigene Lebens- und Berufsperspektive. Neben der Hilfe im Haushalt betätigte sie sich - vor allem in der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg - als freiwillige Helferin in der Krankenpflege im Dorf. Den daraufhin gefaßten Gedanken, Diakonissin zu werden, gab sie allerdings wieder auf, weil sie "die dem Beruf anhaftende Einengung abschreckte". Seit 1882 lebte sie bei ihrem unverheirateten Bruder, der zuerst bei Bitterfeld, ab 1888 dann in Züllsdorf (Kreis Torgau) Pfarrer war, wo sie - 35 Jahre lang, bis 1923 - die Haushaltsführung im Pfarrhaus übernahm. Danach lebte sie bei Schwester und Schwager zunächst in Biendorf, dann ab 1924 in Dessau. Hier starb sie unverheiratet am 2. Mai 1930.

Elisabeth Malo engagierte sich im Evangelisch-Sozialen-Kongreß (ESK), war Mitglied im Deutsch-Evangelischen Frauenbund (DEF) sowie seit etwa 1890 im Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADFV). Von letzterem besucht sie Kongresse und Generalversammlungen und steht im Kontakt mit seinen führenden Frauen wie etwa Helene Lange (1848-1930). Daneben hat sie aber Verbindung mit radikalen Frauenrechtlerinnen, wie z.B. Minna Cauer (1842-1922). Seit 1893 unterhält sie zudem engem Kontakt mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917).

Zwischen 1891 und 1898, dann noch einmal von 1905 bis 1908 veröffentlichte Elisabeth Malo mehr als ein Dutzend theologischer Aufsätze, in denen sie die Vereinbarkeit von Feminismus und Christentum nachzuweisen sucht. Sie ist die erste Frau in der protestantischen Kirche im wilhelminischen Deutschland, die konsequent die Gleichstellung von Frau und Mann in der Gemeinde fordert. Ihre versuchte Synthese von Frauenbewegung und Christentum weist hierbei eine Radikalität des Denkens auf, die in der evangelischen Kirche bis weit ins 20. Jahrhundert nicht wieder eigeholt worden ist. Ihre Artikel und Rezensionen erschienen in den Zeitschriften "Christliche Welt", "Mitteilungen des Evangelisch-Sozialen Kongresses", "Protestantische Kirchenzeitung", "Der Protestant", "Die Lehrerin in Schule und Haus", "Neue Bahnen", "Die Frauenbewegung", "Deutsch-Evangelische Blätter" und "Evangelische Frauenzeitung". Ihr wichtigster Text ist ihr 1896 im Selbstverlag (Züllsdorf) herausgegebenes Buch "Das Recht der Frau in der christlichen Kirche", für das sie keinen Verleger findet. Das konservative Lager ist über sie entrüstet, aber auch im liberalen Protestantismus ist man nicht begeistert von ihrern radikalen Gedanken und schweigt sie tot. Dies dürfte mit ein Grund dafür sein, warum sie ab 1910 hauptsächlich belletristische Werke publiziert. In einer Reihe von Artikeln verarbeitete sie hierbei in zumeist anekdotischer Form Begebenheiten aus dem dörflichen Alltag, die in der Zeitschrift "Die Dorfkirche" erschienen. Daneben schrieb sie rund ein Dutzend Schauspiele und historische Jubiläumsstücke.

Hinsichtlich der Krankenpflege sind vor allem ihre Aufsätze von Bedeutung, die sich der Frage nach der evangelischen Diakonie widmen. 1878 hatte Malo einen Einblick in die Lage der Diakonissen bekommen, als ihre Schwester Maria - im Wunsch Diakonissin zu werden - als Probeschwester im Elisabeth-Krankenhaus in Berlin anfängt. Nach fünf Monaten mußte sie ihren Dienst wieder beenden, weil sie "körperlich die an die jungen Schwestern gestellten Anforderungen" nicht aushält und lange Zeit braucht, um sich davon zu erholen. Diese Erfahrungen flossen in die "Diakonissenaufsätze" mit ein, die Elisabeth Malo in den Jahren 1893, 1894 und 1898 veröffentlichte. In ihrem Aufsatz "Die weibliche Diakonie und die Frauenfrage", der in der "Christliche(n) Welt" (7. Jg., 1893, Nr. 25, S. 600-607 [1. Teil] und 7. Jg., 1893, Nr. 26, S. 628-631 [2. Teil und Schluß]) und der "Protestantische(n) Kirchenzeitung" (41. Jg., 1894, Nr. 28, S. 662-664; Nr. 29, S. 684-689; Nr. 30, S. 710-715; Nr. 31, S. 727-734) erschien, setzte sie sich besonders kritisch mit der Mutterhausdiakonie auseinander. Ihre hier geäußerte Kritik, die ihr als Denunziation des Diakoniessenwesens ausgelegt wurde, betraf sowohl die Arbeitsbedingungen einschließlich der fehlenden Besoldung, den unzureichenden Arbeitsschutz, als auch die Grundlagen des Diakonissenberufs. Sie fragte: "Ist der Diakonissenberuf in seiner jetzigen Einrichtung derartig, daß man ihn mit gutem Gewissen der gebildeten evangelischen Frauenwelt als geeigneten Lebensberuf empfehlen kann?" Sie warf der weiblichen Diakonie vor, "auf katholischer Grundlage" zu stehen, gegen "das Recht jedes Menschen auf Geistes- und Gewissensfreiheit" zu verstoßen und "gegen den Grundsatz vom allgemeinen Priestertum". Von daher verneinte sie vom evangelischen Standtpunkt aus ihre gestellte Frage, da "die fast völlige Beschränkung der persönlichen Freiheit und geistigen Eigenart" unevangelisch seien. Evangelische Freiheit hieß für Elisabeth Malo Recht auf Individualität sowie auf Entfaltung auch der geistigen Fähigkeiten und Neigungen. In der Mutterhaus-Diakonie sah sie hierfür keinen Raum. Das Bedürfnis nach Bildung und Ausbildung, nach Selbstbestimmung, für das sich die bürgerliche Frauenbewegung einsetzte, kam im Mutterhaus ihrer Meinung nach nicht vor. Für Elisabeth Malo war die Frage der weiblichen Diakonie letztlich nur im Kontext einer umfassenden Kirchenreform relevant, die das allgemeine Priestertum der Gläubigen realisieren und die Gemeinden zu Zentren des kirchlichen Lebens machen sollte. Sie berief sich dabei auf Emil Sulze (1832-1914), dessen Ruf nach einer Erneuerung des Gemeindelebens im urchristlichen Sinne in den Kreisen des liberalen Protestantismus viel Anklang fand.

Daß es Elisabeth Malo bei der Behandlung der Diakonissenfrage nicht lediglich um eine Liberalisierung ging, macht sie noch einmal in ihrem vier Jahre später in der Zeitschrift "Der Protestant" erschienenen Aufsatz "Evangelische Diakonie, Diakonissenhaus und Diakonieverein" (2. Jg., 1898, Nr. 16, S. 322-325; Nr. 17, S. 343-348; Nr. 18, S. 363-366) klar. Dem 1894 durch Friedrich Zimmer (1855-1919) gegründeten Evangelischen Diakonieverein, der sich als liberale Alternative zur Mutterhausdiakonie erwies, indem er deren offensichtliche Defizite auszufüllen suchte (die Schwestern bekamen Gehalt, waren genossenschaftlich organisiert und dadurch für Krankheit und Alter abgesichert, und lebten in - im Vergleich mit den Diakonissen - in relativer Unabhängigkeit von einer Anstaltsordnung), billigte sie zwar zu, daß er "mit dem die Fliednersche Diakonie durchdringenden katholisierenden Geiste gebrochen" habe, aber "die echte, rechte evangelische Diakonie" noch nicht verkörpere. Ihres Erachtens entsprach auch der Diakonieverein noch nicht dem Ziel, "die Diakonie zu einer ebenbürtigen Gehilfin des Predigtamtes in der evangelischen Gemeinde zu gestalten, weil die gegenwärtige Ausbildung seiner Schwestern weder in religiöser noch in wissenschaftlicher Beziehung als eine genügende bezeichnet werden kann."

Während die besondere Bedeutung von Elisabeth Malo in der Frauenbewegung vor allem darin zu sehen ist, daß sie die Grundprinzipien der evangelischen Kirche endlich auch auf die Frauen anwenden und sie für das weibliche Geschlecht zur Geltung und Anerkennung im kirchlichen Gemeindeleben bringen wollte, liegt sie hinsichtlich der Krankenpflege vor allem in der Beeinflussung gebildeter Frauen über das Diakonissenwesen.



Quellen:

Archiv der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Magdeburg: Rep. D, Personalakte Malo - M 50

Baumann, Ursula: Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland 1850 bis 1920 (= Geschichte und Geschlechter, Bd. 2). Campus, Frankfurt am Main, New York 1992, S. 68-79

Markert-Wizisla, Christiane: Elisabeth Malo. Anfänge feministischer Theologie im wilhelminischen Deutschland (= Theologische Frauenforschung - Erträge und Perspektiven, Bd. 4). Centaurus, Pfaffenweiler 1997

Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren nebst Biographien der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Carl Pataky, Berlin 1898. Neu verlegt: Herbert Lang, Bern 1971, S. 10

Schmidt, Jutta: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert (= Geschichte der Geschlechter, Bd. 24). Campus, Frankfurt am Main, New York 1998, S. 229-230



Der Autor, Jg. 1960, Krankenpfleger. Dipl.-Pädagoge und Dipl.-Politologe, Dr. phil., arbeitet beim Bundesamt für den Zivildienst (Köln) als Dozent an der Zivildienstschule Staffelstein und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der pflegehistorischen Biographieforschung.


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