back home

"Der Beruf und die ganze Diakonissensache sind mir auch jetzt noch lieb und werth und werden es stets bleiben."

Die wechselvolle Lebensgeschichte der Diakonisse ADELHEID LOUISE BANDAU


Hubert Kolling


Zusammenfassung

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war in Deutschland eine heftige öffentliche Debatte über das Diakonissenwesen entbrannt. Eine bedeutende Rolle spielten hierbei auch biographische Schriften von ehemaligen Diakonissen, wie beispielsweise die von Adelheid Louise Bandau. In ihrem Buch "Zwölf Jahre als Diakonissin" (Berlin 1881) deckte sie "die Mängel und Gebrechen" der Diakonissenanstalt Kaiserswerth mit schonungsloser Hand auf. Ihre Aussagen nach einigen Jahren widerrufend war es ihr scheinbar erst in fortgeschrittenem Lebensalter möglich, zu ihrem Werk zu stehen.

Da sie von der Medizingeschichte wie der pflegehistorischen Forschung bislang übersehen wurde, stellt der folgende Beitrag erstmals ihre wechselvolle Lebensgeschichte im Kontext ihrer publizistischen Tätigkeit ausführlich vor.


1. Einleitung

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war in Deutschland eine heftige öffentliche Debatte über das Diakonissenwesen entbrannt.1 Ein Unbehagen darüber war dabei auch zum Teil in jenen Kreisen verbreitet, die sich mit der religiösen Seite dieser Institution rückhaltlos identifizierten. Zahlreiche Veröffentlichungen wie beispielsweise die von Elisabeth Malo (1855-1930)2 oder Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917)3 prangerten die Unterdrückung des Individuums in den Diakonissenanstalten an und lieferten damit zugleich eine Erklärung für den von den Mutterhäusern beklagten Sachverhalt, daß der Diakonissennachwuchs nicht mit den gestiegenen Anforderungen nach Pflegekräften Schritt hielt.4 Die Diskussion über den Diakonissenmangel in der protestantischen Öffentlichkeit war damals nicht zuletzt durch die Konkurrenz zwischen den beiden großen Konfessionen motiviert, lag die Zahl der Diakonissen doch deutlich unter der der katholischen Schwestern.5 Eine bedeutende Rolle spielten in diesem Zusammenhang auch biographische Schriften ehemaliger Diakonissen. Neben affirmativen Veröffentlichungen, die vor allem die Vorbildlichkeit der Diakonisse hervorheben, ihr besonderes Engagement, ihren Glauben, ihre Geduld sowie ihre Zufriedenheit mit der Berufs- und Lebenswahl, wie beispielsweise das 1899 von Friederike Leithold veröffentlichte Buch "Erinnerungen aus meinem Diakonissenleben",6 finden sich aber auch kritische Lebensbeschreibungen. Zu ihnen gehört vor allem das 1881 von Adelheid Louise Bandau veröffentlichte Buch "Zwölf Jahre als Diakonissin", in der sie "die Mängel und Gebrechen" der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth mit schonungsloser Hand aufdeckt und an die Öffentlichkeit bringt.7

Nachdem erstmals im zweiten Band des "Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte" ein kürzerer Beitrag über Adelheid Louise Bandau erschienen ist,8 kann die folgende Abhandlung nun ihren Lebensweg ausführlicher darstellen und vor allem ihre bis jetzt pflegehistorisch kaum beachtete publizistische Tätigkeit und die damit verbundenen wechselhaften Reaktionen in ihrem Leben einer würdigenden Betrachtung unterziehen.


2. Quellenlage

Soweit ersichtlich, liegen bisher keine Veröffentlichungen über das Leben und Werk von Adelheid Louise Bandau vor. Die Rekonstruktion ihres Lebenswerkes wird vor allem dadurch erschwert, daß sie einerseits nicht bis zu ihrem Lebensende Diakonissin blieb, andererseits aller Wahrscheinlichkeit nach über keine Nachkommen verfügt, die entsprechende Fragen beantworten könnten. Da sie eine Fachausbildung absolvierte stand immerhin zu vermuten, daß sich entsprechende Archivalien erhalten haben. Tatsächlich befindet sich im "Diakoniewerk Kaiserswerth, Fachbibliothek für Frauendiakonie und Fliednerarchiv" eine Personalakte von "Adelheid Bandau". Diese ist mit wenigen Blättern allerdings ungewöhnlich dünn und enthält lediglich einen handgeschriebenen Lebenslauf und einige Briefe.9 Es deutet einiges darauf hin, daß die Unterlagen, die zur Überlieferung gelangen sollten, sehr stark zensiert wurden.10 Eine wichtige Grundlage zu ihrer Biographie stellen von daher ihre folgenden drei Veröffentlichungen dar:

I. Adelheid Bandau: Zwölf Jahre als Diakonissin. Verlag Gustav Hempel, Berlin 1881 (Zweite Auflage 1881; dritte Auflage 1882);

II. Adelheid Bandau: Erfahrungen einer Diakonissin. Treu dem Leben erzählt. Verlag Theodor Gerstenberg, Leipzig 1915;

III. Adelheid Bandau: Bilder aus Rumänien. Verlag Gustav Hempel, Berlin 1882.11

Ein Nachweis über weitere Veröffentlichungen von Adelheid Louise Bandau, etwa in der zeitgenössischen Fachpresse, die darüber hinausgehende Erkenntnisse über sie liefern könnten, liegt bislang nicht vor.


3. Zum Lebensweg

Adelheid Louise Bandau wurde am 18. März 1847 in Berlin geboren, wo ihr Vater Lehrer war.12 Mit anderthalb Jahren starb ihre Mutter an Cholera. Sie hatte eine jüngere und eine ältere Schwester, wobei erstere alsbald nach der Mutter (1848) und letztere nach dreieinhalb Jahren starb.13 Über ihre frühe Kindheit schreibt sie als Siebzehnjährige, "daß stets der Hang nach Einsamkeit" in ihr war und sie sich nur selten in die fröhlichen Spiele der Kinder mischte.14 Daran hatte wohl auch nichts geändert, daß ihr Vater nach dem Tod seiner Ehefrau ein Kindermädchen eingestellt und dieses alsbald geheiratet hatte. Im Gegenteil, die zweite Frau ihres Vaters war "eine harte Stiefmutter"15, die ihr "kalt und ungerecht" begegnete und sie in der schändlichsten Weise mißhandelte.16 Mit sechs Jahren wurde Adelheid Louise Bandau eingeschult. Die Schulstunden gehörten ihrer Meinung nach "zu den glücklichsten" ihres Lebens: "Hier lernte ich zuerst die göttlichen Wahrheiten, wie freute ich mich immer auf die Religionsstunde, in welcher uns vom Heilande erzählt wurde, hier fiel zuerst der Samen des göttlichen Wortes in mein Herz".17 Im Elternhause hingegen war sie so unglücklich, daß sie sich "stets den Tod wünschte" und mehrere Suizidversuche unternahm. In ihrer Verzweiflung verschluckte sie Stecknadeln, sprang ins Wasser, nahm Rattengift ein, stürzte sich eine Treppe herunter aufs Steinpflaster, versuchte zu verhungern und sich tot zu stellen.18 Mit neun Jahren (1856) kam sie in die Höhere Töchterschule, um ihre wissenschaftliche Bildung mehr zu fördern. Religion war nun stets nur noch Nebensache. In ihrer Erinnerung beklagt Adelheid Louise Bandau die Lehrer, die gewissenlos genug gewesen waren, ihre Zweifel darüber auszusprechen, "daß Alles wahr wäre, was in der Bibel steht".19 Wenngleich sie zu den besten Schülerinnen gehörte und nach dem Willen des Vaters, der sie zusätzlich früh morgens und spät abends in der französischen Sprache unterrichtete, Lehrerin werden sollte, nahm ihre Stiefmutter sie 1860 von der Schule und schickte sie in eine Nähschule, um das Wäschenähen zu erlernen, weil sie möglichst schnell ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen sollte.20 In den darauffolgenden Jahren spielte dann im Leben von Adelheid Louise Bandau die Liebe zur Kirche und zum Wort Gottes eine immer stärkere Rolle. In der Erinnerung schreibt sie:

"Ich wandte mein ganzes Herz zu Christus und hatte nur den einen Wunsch, ihm nachzufolgen und ihn von ganzem Herzen zu lieben. Ich wollte aus Liebe zu ihm das Kreuz ohne Murren, ja mit Freuden auf mich nehmen. Meine Seele wandte sich ganz den göttlichen Dingen zu, so daß ich eine Glückseligkeit empfand, die mich wie auf Engelsschwingen über alles Erdenleid hinweghob."21

Als sie am 26. Februar 1864 dann per Zufall - ein Paar Schuhe das sie sich gekauft hatte war mit einer Zeitung eingewickelt - einen Aufruf zum Diakonissenstande las, erwachte in ihr "ein innerer Trieb und eine Stimme, die zu sagen schien: Gehe auch hin und weihe Dein Leben ganz dem Heilande".22 Wenngleich ihr Vater von dem Gedanken zunächst nicht sonderlich angetan war, gab er schließlich seine Zustimmung. In einem ihrer Bewerbung an das Diakonissenmutterhaus in Kaiserswerth bei Düsseldorf beigefügten Lebenslauf teilte sie der Anstaltsleitung mit, daß sie "weiter nichts als Wäsche nähen" könne, "noch recht ungeschickt" sei, "gern aber recht viel lernen möchte".23

Adelheid Louise Bandau wurde angenommen. Da sie allerdings noch zu jung war, absolvierte sie in Berlin zunächst noch ein halbjähriges Praktikum in "Marthas Hof", einer von Kaiserswerther Diakonissen geleiteten Mädchenherberge und Elementarschule. Danach trat Adelheid Louise Bandau 1865 in das Mutterhaus der Diakonieanstalt Kaiserswerth ein. Hier machte die erste feierliche Einsegnung von neuen Diakonissen, der sie alsbald beiwohnte, einen unvergeßlichen Eindruck auf sie. In der Erinnerung schreibt sie:

"Ich konnte mir für den Augenblick gar nichts Schöneres denken, als auch so eingesegnet zu werden. Dieses Ziel zu erreichen, erschien mir von dem Augenblicke an als mein höchstes Lebensglück. Die Schwestern in ihrer neuen Diakonissenkleidung und den tadellosen weißen Hauben, im Halbkreise vor dem Altar niederknieend und von drei Geistlichen durch Händeauflegen in ihr Amt eingeführt, erschienen mir wie Heilige, weit über anderen Sterblichen erhaben."24

Drei Jahre später ging für Adelheid Louise Bandau der Wunsch in Erfüllung; am 17. Mai 1868 wurde sie als Diakonisse feierlich eingesegnet.25 Bevor es jedoch dazu kam, mußte sie wie alle anderen zur Einsegnung vorgesehenen Schwestern ein Einzelgespräch mit der "Mutter" - Caroline Fliedner (der zweiten Ehefrau von Theodor Fliedner),26 der Vorsteherin des Diakonissenmutterhauses - führen. Auf deren obligatorische Frage, ob ihr "Herz noch frei von jeder männlichen Liebe wäre, oder ob vielleicht eine frühere Neigung Wurzel darin gefaßt hätte", erwiderte sie ein ganz entschiedenes "Nein" und versicherte zugleich, daß sie den festen Vorsatz hätte, niemals zu lieben und zu heiraten.

"Ja, ich versprach in meinem jugendlichen Eifer noch viel mehr. Ich sagte, ich wollte nie den Diakonissenstand verlassen, nur der Tod sollte mich von diesem schönen Berufe trennen. Oft habe ich mich in späteren Jahren an diese Worte, die ich als 20jähriges Mädchen so begeisterungsvoll gesprochen, erinnert und dieselben sehr unbesonnen gefunden. Wer kann in diesem Alter schon über sein ganzes Leben bestimmen wollen?"27


4. Ausbildungsstationen einer Diakonissin

Nach ihrem Eintritt in das Mutterhaus der Diakonissenanstalt Kaiserswerth wurde Adelheid Louise Bandau zunächst mit Aushilfsarbeiten in der sogenannten "Kaffeeküche" betraut. Hier hatte sie für die ganze Anstalt den Kaffee zu mahlen und zu kochen, in große Blechkannen abzufüllen und zu verteilen sowie das Geschirr abzuwaschen.28 Nach etwa vierzehn Tage wurde sie auf die Kinderstation versetzt, wobei der dortige Aufenthalt nicht zu ihren angenehmsten Erinnerungen gehört.29 Nach einigen Wochen kam sie auf die "Frauen-Station", wo sie ebenfalls "eine recht schwere Schule" durchzumachen hatte.30 Nach einiger Zeit wiederum wechselte sie zur "Irrenheil-Anstalt". In den ersten Wochen hatte sie allerdings nichts mit den Kranken zu tun, sondern mußte den Pförtnerdienst versehen.31 Nachdem sie den entsprechenden Kurs in der "Irrenheilanstalt" absolviert hatte, kam sie auf die sogenannte "Lehrstation", das heißt, sie wurde als Probelehrschwester aufgenommen und zum Lehrerinnenexamen vorbereitet. Am 19. Oktober 1865 bestand sie mit noch acht anderen Probeschwestern und etwa zwanzig Seminaristinnen die Aufnahmeprüfung im Kaiserswerther Lehrerinnenseminar, das zur Vorbereitung zum "höheren Lehrfache" bestimmt war. Die Ausbildung dauerte zweieinhalb Jahre und umfaßte auch Französisch- und Englischunterricht.32 Es war für Adelheid Louise Bandau ein sehr glücklicher Zeitabschnitt in ihrem Leben, über den sie rückblickend festhält: "Nur mit großer Freude denke ich an diese Zeit zurück, die mir bis jetzt in der Erinnerung als die schönste meines Lebens erscheint."33 In einem 1928 erschienenen "Verzeichnis der in Kaiserswerther Seminaren ausgebildeten Lehrerinnen für mittlere und höhere Schulen" wird Adelheid Louise Bandau als "Schwester Adolfine Bandau" genannt.34


5. Berufsstationen einer Diakonissin

Wie die übrigen Diakonissen, hatte auch Adelheid Louise Bandau am Morgen nach ihrer Einsegnung (18. Mai 1868) die Hausordnung zu unterschreiben und sich auf fünf Jahre zum Diakonissenberuf zu verpflichten. Die Anstalt verpflichtete sich ihrerseits, den Diakonissen außer ihrem Lebensunterhalt jährlich 25 Taler Taschengeld, die später auf 30 Taler erhöht wurden, zu geben, ferner jedes Jahr zwei, aus gedrucktem Nessel bestehende Hauskleider, drei blaue baumwollene Schürzen, vier kleinere Kragen und vier Hauben und alle fünf Jahre ein blaues Merino-Sonntagskleid und eine schwarze Sonntagsschürze. Alle anderen Kleidungsstücke und sonstigen Bedürfnisse hatten die Diakonissen von den 25 Thalern jährlich selbst zu bestreiten.35

Noch am selben Tag machten sich die Diakonissen auf den Weg zu ihren neuen Arbeitsstellen. Der Weg von Adelheid Louise Bandau führte sie zunächst in das "Pensionat" nach Hilden, wo sie ihre Tätigkeit als "Lehrdiakonissin" begann.36 Kurze Zeit später wurde sie in das Waisenhaus zu Altdorf (in Oberschlesien an der polnischen Grenze) versetzt, um Waisenkinder zu unterrichten.37 Nach etwa einem Jahr (1869) erhielt sie aus Kaiserswerth dann eine Mitteilung, die ihr die Versetzung nach Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens, anzeigte.38 Auf diese Nachricht reagierte sie mit großer Freude: "Also nach Bukarest sollte es gehen! Ich freute mich sehr darauf, denn ich hatte von jeher einen recht deutschen Wandertrieb in mir; ich wollte die ganze Welt sehen, und keine Entfernung schien mir zu weit."39 Adelheid Louise Bandau wohnte in Bukarest im Diakonissenhaus und unterrichtete an einer "dreiklassigen Tagesschule", die von der "Deutsch-evangelischen Gemeinde" getragen und von etwa 150 Mädchen aus verschiedenen Ständen, Konfessionen und Nationalitäten besucht wurde.40 Nach etwa einem Jahr erkrankte sie, fiel häufig in Ohnmacht, verlor den Appetit, fühlte eine Schlaffheit in allen Gliedern und war nur mit der äußersten Anstrengung im Stande, ihre Arbeit zu tun. Dazu wurde sie immer magerer und ganz gelb. Nachdem dieser Zustand eineinhalb Jahre angedauert hatte, mußte sie auf ärztliches Anraten am 28. November 1871 die Rückreise nach Deutschland antreten, obwohl sie sehr gerne noch in Bukarest geblieben wäre.41

Nachdem sich Adelheid Louise Bandau im Mutterhaus in Kaiserswerth "wieder etwas erholt hatte", wurde sie nach Schwelm in Westfalen geschickt, um eine kranke Lehrerin auf einige Wochen zu vertreten.42 Nach ihrer Rückkehr führte sie ihr Weg erneut in das Pensionat nach Hilden.43 Nachdem sie dort drei Jahre gewirkt hatte, erhielt sie 1874 dann die Weisung, an das Pensionat in Florenz (Italien) zu wechseln.44 Nach circa einem Jahr (1875) erreichte sie wiederum der Rückruf ins Mutterhaus nach Kaiserswerth, um die Diakonissenschülerinnen in den "Elementarfächern" zu unterrichten. Diese Tätigkeit übte sie bis zum März 1876 aus.45


6. Austritt aus der Schwesternschaft

Obwohl sich die Leitung des Mutterhauses eigentlich wünschte, eine Diakonisse bliebe für ihr ganzes Leben im Mutterhaus, kam es nach der Einsegnung häufiger vor, daß Frauen die Schwesternschaft wieder verließen. Neben Heirat, dem häufigsten Austrittsgrund, und der Suche nach einer anderen beruflichen Existenz waren vor allem Konflikte mit dem Mutterhaus über Fragen der Arbeitsweise, der Lebensführung oder Unzufriedenheit über eine Versetzung an einen anderen Einsatzort weitere Gründe für die Frauen, die Schwesternschaft zu verlassen.46 Zur letzten Gruppe gehörte auch Adelheid Louise Bandau, die im Jahre 1876 aus dem Mutterhaus wieder austrat. Aufgrund ihrer Kritik am Kaiserswerther Diakonissenverband hatte sie bereits während ihres Tätigkeit in Florenz (1874/75) den entsprechenden Entschluß gefaßt; künftig wollte sie lieber als freie, selbständige Lehrerin arbeiten. Der Plan ließ sich aus vielerlei Gründen freilich nicht so leicht in die Realität umsetzten. Zu bedenken ist hierbei zunächst einmal, daß sie praktisch keinerlei Ersparnisse hatte und auch nicht auf familiäre Hilfe hoffen konnte. Zudem war es für Frauen zur damaligen Zeit nur sehr schwer möglich, eine adäquate Stellung auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Und zu allem Überdruß versuchte gleichzeitig die Direktion des Mutterhauses, nachdem ihre Absicht bekannt geworden war, sie "auf alle mögliche Weise von diesem Schritt abzuhalten".47 Dabei wollte Adelheid Bandau nicht auf schroffe und unangenehme Art mit dem Mutterhause brechen, denn trotz aller von ihr erkannten Mängel war ihr die Anstalt "noch immer lieb und werth; ich hatte ja auch manches Gute in derselben empfangen, für welches mein Gemüth nicht weniger offen und empfänglich war, als für die schmerzlichen Erfahrungen."48 So zog sich ihr Austritt einstweilen hin: "Man konnte im Mutterhause meinen Entschluß nicht begreifen, stellte mir die Gefahren vor, denen ich entgegen ginge, und schrieb mir geradezu, daß man für mein äußeres Fortkommen in der Welt sehr besorgt sei."49

Die Reaktionen seitens des Mutterhauses, mit denen Adelheid Louise Bandau nach der Ankündigung ihres Austrittwunsches konfrontiert wurde, verunsicherten sie stark, so daß sie eine zeitlang nicht mehr wußte, ob sie gehen oder bleiben sollte. In ihren späteren Erinnerungen schildert sie eindrucksvoll den Konflikt, in den eine Diakonissin geraten konnte, die beabsichtigte, aus der Anstalt auszutreten und dabei wußte, daß sie nicht auf ihre Herkunftsfamilie zurückgreifen konnte oder heiraten wollte:

"Zum Diakonissenberuf hatte ich die Lust und Liebe verloren, ich fühlte einen beständigen innern Conflict mit den Principien der Anstalt. Es ist entsetzlich, Diakonissin ohne geringste Berufsfreudigkeit zu sein. Trat ich aus, so stand ich für den Anfang allerdings auch ganz hülflos und verlassen da. Ich hatte in jener Zeit auf der weiten Welt Niemand, bei dem ich einstweilen Zuflucht hätte nehmen können, bis ich den Uebergang aus dem Diakonissenleben ins weltliche Leben bewerkstelligen und mir eine Stelle suchen konnte.50

Infolge ihres Austrittsgesuches zitierte die Anstaltsleitung Adelheid Louise Bandau aus Florenz ins Mutterhaus nach Kaiserswerth zurück, das ihr nun wie "ein Gefängnis" erschien.51 Pastor Julius Disselhof (1827-1896), der Nachfolger von Theodor Fliedner (1800-1864),52 empfing sie zornig. Während er hinsichtlich ihres Wunsches von einem "verblendeten Zustand" sprach, verbot er ihr kurzerhand ihre eigenwilligen Austrittserklärungen.53 Es erscheint verständlich, daß es daraufhin Adelheid Louise Bandau in den kommenden Monaten gesundheitlich nicht besonders gut ging: "Ich war körperlich leidend, und es war mir ganz klar, daß ich, wenn ich Schwester blieb, dahinsiechen, daß hingegen mit meinem Austritt meine frühere Kraft und Gesundheit zurückkehren würde."54 Doch das rabiate Auftreten und Unverständnis von Pastor Disselhoff festigte ihren Entschluß, "auf jeden Fall" auszutreten: "Ich war in meinem Gewissen von der Richtigkeit dieses Schrittes vollständig überzeugt; jedes frühere Bedenken gegen den Austritt war mir genommen."55 Da sie es freilich nicht wagte, die Kündigung mündlich auszusprechen, teilte sie ihren erneuten Entschluß der "Mutter" am 1. Januar 1876 schriftlich mit. Sie erhielt auf ihr Schreiben jedoch keine Antwort, sondern lediglich eine Einladung zum Tee, zu dem noch eine Vielzahl anderer Gäste eingeladen war. Bei der persönlichen Begegnung mit der "Mutter" übte diese dann "eine so unwiderstehliche Macht" auf Adelheid Louise Bandau aus, daß sie nicht mehr den Mut hatte, ihren Entschluß ihr gegenüber aufrechtzuerhalten.56

Eine entscheidende Wende im Leben von Adelheid Louise Bandau trat dann Ende März 1876 ein, nachdem sie von Verwandten, die ihr bisher ganz unbekannt waren, einen Brief mit einer Einladung zum Besuch erhalten hatte. Der hierzu erbetene Urlaub wurde gewährt; das Datum ihrer Rückkehr wollte sie schriftlich mitteilen.57 Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. In einem Schreiben vom 19. April 1876 teilte sie der Anstaltsleitung mit, daß sie sich bereits seit längerer Zeit "sehr unglücklich fühlte" und daher den Diakonissenberuf zu verlassen wünschte. Sie hätte allerdings bisher hierzu nicht "die innere Freiheit" gehabt:

"Ich fügte mich im Gehorsam meinen Vorgesetzten, wenn ich mir auch deutlich bewußt war, daß ich bei der inneren Zerrissenheit mich nicht mehr zur Diakonissin eignete, und in Folge dessen meine Wirksamkeit in diesem Berufe keine gedeihliche sein konnte. Auch meine Gesundheit litt sehr darunter, so daß ich auch im letzten Winter mich körperlich nie wohl fühlte. Als sie mir entschieden von der Kündigung abrieten und ich mich im Gehorsam fügte, habe ich es nicht freudig, sondern mit innerem Widerstreben gethan und Gott täglich gebeten, mich in meinem Berufe wieder froh zu machen oder mir deutlich zu zeigen, daß ich ihn verlassen darf. Das Letztere ist nun geschehen und zwar in der Weise, die mir klar und deutlich Gottes Willen zeigt. Ich habe hier Verwandte gefunden, von denen daheim ich früher kaum etwas wußte. Da dieselben ihre 4 Kinder durch den Tod verloren haben, so haben sie mich mit Elternliebe aufgenommen, ja mit einer Liebe und Herzlichkeit, wie ich sie nie in meinem Leben erfahren habe. Sie wollten mir Heimath, Eltern, Alles ersetzen und wünschen dringend, daß ich den Diakonissenberuf verlasse, zumal auch der Arzt für meine Gesundheit einen gänzlichen Umschwung in der Lebensweise nöthig findet. Ich habe ihren Wünschen und Ansichten keinen Widerstand geleistet, denn ich hätte weder die physische noch geistige Kraft, jetzt länger Diakonissin zu sein. Ich glaube wohl, daß nach Jahren die Sehnsucht nach dem mir früher so theuer gewesenen Berufe erwacht und dann bitte ich Sie, mir den Wiedereintritt nicht zu verweigern, aber jetzt kann ich nicht wiederkommen. Der Beruf und die ganze Diakonissensache sind mir auch jetzt noch lieb und werth und werden es stets bleiben, aber der Kampf ist mir zu schwer. Ich werde freilich nicht unthätig bleiben, sondern die mir liebgewordene Beschäftigung des Unterrichtens in einigen Monaten wieder aufnehmen. Zu diesem Zweck bitte ich um ein Zeugniß über meine Lehrtätigkeit. In meinem Herzen und Gewissen bin ich über diesen Schritt, den ich vor Gottes Augen thue, vollkommen ruhig."58

Das gewünschte Zeugnis wurde ihr mit Datum vom 5. Mai 1876 vom Direktor der Diakonissenanstalt kurz und knapp wie folgt ausgestellt:

"Fräulein Adelheid Bandau aus Berlin hat nach absolviertem Seminar als Lehrdiakonissin von Mai 1868 bis zum April des J[ahre]s [1876] mit Eifer und gutem Erfolge an mehreren Schulen unserer Lehranstalten im In- und Auslande unterrichtet. Sie schied aus dem Diakonissen-Verbande auf ihren eigenen Wunsch".59


Die Gründe für diesen Schritt hatte Adelheid Louise Bandau nochmals auf Nachfrage am 1. Juli 1877 Julius Disselhof schriftlich aus Krefeld mitgeteilt:

"Mein Austritt aus dem Diakonissenberuf war eine innere Nothwendigkeit. Ich war in den letzten 2 Jahren ein untaugliches Glied der Schwestern geworden. Den Grund dafür habe ich nur in mir gesucht und gefunden; vom Vorstande sowohl als von meinen Mitschwestern bin ich mit vieler Geduld und Langmuth behandelt worden, das werde ich nie vergessen; indeß war mein Gemüth in der letzten Zeit eines Diakonissenberufes verdunkelt, ja, ich glaube krank. Unmittelbar nach meinem Austritt hatte ich einen schweren Leidensweg zu gehen, der mich jedoch nie den vor Gottes Augen gethanen Schritt bereuen ließ. [...] Jetzt geht es mir in jeder Hinsicht sehr gut; ich kann sagen, daß ich so glücklich bin, als es ein sündiger Mensch überhaupt auf Erden werden kann. Meine Liebe zu der Diakonissenanstalt, der ich so unendlich viel verdanke, ist unverändert geblieben und wird es bleiben bis ans Ende. Was ist da natürlicher als der Wunsch, die Anstalt einmal besuchen zu dürfen, der ich 11 Jahre lang angehörte?".60


7. "Der Anstalt zu großem Dank verpflichtet" - Der weitere Lebensweg

Gleich nach ihrer Ankunft bei den Verwandten hatte sich Adelheid Louise Bandau andere Kleider anfertigen lassen und sich eifrigst um eine Anstellung als Lehrerin beworben.61 Obwohl sie den Schritt ihres Ausscheidens als absolute Notwendigkeit sah, war es ihr nun "doch recht schwer ums Herz". So litt sie, wenngleich ihr ihr Gewissen nicht den geringsten Vorwurf machte, dennoch schwer in ihrem Gemüts- und Gefühlsleben:

"Ich fühlte mich der Anstalt zu großem Danke verpflichtet. Aus unerträglichen Verhältnissen hatte ich mich in ihren Schutz geflüchtet. Sie hatte mir, der Verwaisten und Verstoßenen, Heimatrecht gewährt. Viel liebe, ausgezeichnete Menschen habe ich kennen und lieben gelernt, mit denen ich ferner keine Verbindung haben durfte. Meine Erziehung, insonderheit meine Ausbildung, verdanke ich der Anstalt. Durch sie erhielt mein späteres Leben bis auf den heutigen Tag Halt und Inhalt.62

Ihre Bewerbungen um eine Anstellung an einer Höheren Töchterschule verliefen ergebnislos. Da sie nicht länger warten wollte, nahm sie notgedrungen eine schlechter bezahlte Stelle an der Volksschule in Müllforth, einem rheinischen Fabrikdorf, an. Die hier zuständige Schulinspektion war über ihre Leistungen sehr befriedigt und berief sie nach einem Jahr auf eine bessere Stelle nach Krefeld, wo sie alsbald auch noch Privatstunden in fremden Sprachen gab.63 Nachdem sie nach drei Jahren immer noch keine Anstellung an einer Höheren Töchterschule gefunden hatte, die stets überfüllten Volksschulklassen aber ihre Gesundheit schädigten, entschloß sich Adelheid Louise Bandau schließlich 1879 ins Ausland zu gehen, um dort ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verwerten. Sie hatte zuerst an England gedacht, ließ den Plan dann aber nach reiflicher Überlegung wieder fallen. Stattdessen entschied sie sich für Bukarest, zumal sie dort als Diakonissin bereits einige Jahre an der evangelischen Gemeinde gewirkt hatte und ihr die dortigen Verhältnisse bekannt und lieb waren.64

Der weitere Lebensweg von Adelheid Bandau liegt im Dunkeln. Wie lange sie in Rumänien blieb ist nicht bekannt.65 Mit der Diakonissenschaft in Kaiserswerth muß sie sich allerdings während dieser Zeit weiterhin verbunden gefühlt haben; 1895 wollte sie gar wieder in die Schwesternschaft eintreten. Ihren Angaben zufolge war sie zu dieser Zeit "körperlich und geistig arbeitsfähig und ohne Sorgen für ihr Auskommen".66 In einem entsprechenden Antwortschreiben vom 18. Juni 1895 erteilte ihr Julius Disselhof freilich eine abschlägige Antwort, da sie inzwischen zu alt sei, um sich erneut in die Gemeinschaft einzufügen.67

Allem Anschein nach hat Adelheid Louise Bandau in späterer Zeit auch in Ungarn gewirkt. In einer Anzeige für den geplanten Fortsetzungsband ihres Buches heißt es hierzu: "Derselbe soll den ferneren Kampf ums Dasein behandeln, der sich in Rumänien und Ungarn unter den schwierigsten Verhältnissen abspielte, bis es

ihr nach mancherlei Rückschlägen gelang, soviel zu erwerben, um ruhig und sorglos ihren Lebensabend in der Heimat verbringen zu können."68

Wann (wohl ca. 1920) und wo Adelheid Bandau starb, ist bislang nicht bekannt.69


8. "Zwölf Jahre als Diakonissin"

Zunächst unterscheidet sich Adelheid Louise Bandau nicht von etlichen anderen Diakonissen, die im Laufe der Zeit das Mutterhaus in Kaiserwerth ebenfalls wieder verließen.70 Mit ihrem 1881 im Berliner Verlag Gustav Hempel veröffentlichten Buch "Zwölf Jahre als Diakonissin", das pflegehistorisch einen bedeutenden Platz einnimmt, hat sie für großes Aufsehen gesorgt. Das Buch, das auch in mehrere Sprachen übersetzt wurde,71, erfuhr noch im selben Jahr (1881) eine zweite und bereits ein Jahr später (1882) eine dritte Auflage und rief "den heftigsten Unwillen der Direktionen [der Diakonissenanstalten]"72 hervor, die es wegen seinen "hochmüthigen Angriffen" als "mißgünstige Schrift"73 bezeichneten. Auf 323 Seiten berichtet Adelheid Louise Bandau darin in 44 Kapitel nicht nur über ihren Lebnslauf sowie den sozialen Hintergrund der Diakonissen, sondern übt auch massive Kritik sowohl an der Hausordnung als auch an einzelnen Schwestern und der Anstaltsleitung. Eine zeitgenössische Besprechung ihrer Publikation hob die Notwendigkeit hervor, daß im Diakonissenwesen manches anders und besser werden müsse. Von daher hätte sich, wie der namentlich nicht genannte Autor betont, Adelheid Louise Bandau mit ihrem Buch einen großen Verdienst erworben.74


8.1 Über den sozialen Hintergrund der Diakonissen

Die Zugangsbedingungen zur Schwesternschaft waren grundsätzlich so gehalten, daß Frauen aller Schichten Zugang bekommen konnten. Dies geschah freilich nicht primär aus einer auf Chancengleichheit ausgerichteten Grundhaltung des Mutterhauses, als vielmehr nach dem "Prinzip der Bedarfsdeckung", um die steigende Nachfrage nach Diakonissen bedienen zu können.75 Wie eine Untersuchung der 1271 Frauen, die in den Jahren von 1846 bis 1895 als Diakonnissin nach Kaiserswerth kamen, gezeigt hat, entstammte der größte Teil von ihnen (174 Frauen) Handwerkerfamilien. Der empirische Aussagewert dieser Aussage ist allerdings sehr begrenzt, da bei rund einem Viertel (365 Frauen) die Berufsangabe fehlt.76

Während ihrer mehr als zehnjährigen Zugehörigkeit zur Kaiserswerther Diakonissenschaft hat Adelheid Louise Bandau eine Vielzahl von Diakonissen kennengelernt. Wie sie in ihrer Erinnerung schreibt, konnte man "den meisten" der Mädchen, sie sich neu in der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth meldeten, "ansehen, daß sie der dienenden und arbeitenden Klasse angehörten. Viele sahen ihren Eintritt ins Diakonissenamt als eine Standeserhöhung an."77 An anderer Stelle macht sie darauf aufmerksam, "daß die dem Anstaltsleben vorangegangenen Lebensläufe der Schwestern zum größten Theil sehr trauriger Art waren, so daß sie kein all zu großes Opfer brachten, indem sie den Diakonissenberuf erwählten. Sehr Wenige nur habe ich während meiner langen Berufsthätigkeit kennen gelernt, die ein glückliches Familienleben, ein treu sorgendes Elternpaar verlassen hatten. Die meisten waren verwaist oder hatten Stiefeltern, oder sie hatten sich bei fremden Leuten umherstoßen lassen."78

Wie ihrem Bericht zu entnehmen ist, seien von Zeit zu Zeit "ganze Caravanen" von Probeschwestern aus Ostpreußen nach Kaiserswerth gekommen. Der Grund hierfür hätte vor allem darin gelegen, daß dort in vielen Gegenden die bitterste Not und Armut geherrscht hätte. Ausführlich schreibt sie über die von dort kommenden Aspirantinnen:

"Aus diesen entfernten Regionen [d.h. Ostpreußen und Oberschlesien] kamen nun oft die merkwürdigsten, naturwüchsigsten Menschenkinder, die zuweilen nicht lesen und schreiben konnten, ihr bisheriges Leben hinter dem Webstuhl oder auf dem Felde zugebracht hatten, die kaum eine andere Nahrung als Kartoffeln und Grütze kannten. Alle dort herkommenden Schwestern hatten noch ein ganz merkwürdiges Gepräge; ihre Sprache war schwerfällig, langsam, gedehnt und ebenso alle ihre Bewegungen und Handlungen; sie arbeiteten immer, aber mehr als bedächtig. Auch konnten sie sich nur auf einem ganz beschränkten Arbeitsfelde zurechtfinden; sie waren zu schwerfällig, ihren Blick zu erweitern.

Kamen nun diese Personen aus ihrer Armuth nach K[aiserswerth], so fanden sie es dort wunderschön, sie hatten es ja noch viel besser, als daheim. Gefiel es selbst der Einen oder Andern nicht, so mußte sie doch aushalten, weil die Mittel zur Rückreise fehlten. Man hobelte an diesen Klötzen herum, so gut es ging, und brachte ihnen soviel Bildung bei, als sie bei ihrer Schwerfälligkeit aufzunehmen im Stande waren. Sie waren ja immerhin gute und treue, wenn auch meistentheils nur ganz mechanische Arbeitskräfte, worauf ja doch der Anstalt sehr viel ankam, und so wurden sie denn ganz passable Schwestern. Sobald sie eingesegnet waren, reisten sie nach Hause, um sich in ihrer neuen Würde vorzustellen; da wurden sie denn nicht wenig bewundert und erregten auch in anderen Jungfrauen den Wunsch, ebenfalls Schwester zu werden. Es traten auch öfter ostpreußische Probeschwestern aus besseren Ständen ein, die aber einen großen Gegensatz zu den eben Beschriebenen bildeten."79


8.2 Kritik an einzelnen Schwestern

Während Adelheid Louise Bandau bei ihren Ausführungen über den sozialen Hintergrund der Diakonissen nicht persönlich wurde, benannte sie einzelne Schwestern, deren Verhalten sie kritisierte, namentlich. Nachfolgend seien hierzu einige Beispiele aufgeführt.

Hinsichtlich ihres Eintritts in Kaiserswerth erinnerte sich Adelheid Louise Bandau vor allem daran, wie sie von Schwester Martha, der Vorsteherin des Kaiserswerther Mutterhauses, "abgefertigt" wurde. Dieselbe, die mehr gefürchtet als geliebt worden sei, hätte nie Rücksicht auf eine Person genommen, sondern stets ihre Meinung rückhaltlos gesagt; ja selbst wenn eine Schwester schon auf dem Sterbebett lag, hätte sie mit ihrem Tadel nicht zurückgehalten. Durch ihren langjährigen Diakonissenberuf sei dieselbe sehr einseitig geworden. So hätte sie jede Nicht-Dakonissin halb zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel gezählt. Und ein Austritt aus dem Diakonissenstand wäre für sie gleichbedeutend gewesen wie ein Ausscheiden aus der Gemeinschaft mit Gott. Davon, wie tief Schwester Martha oft verwundete, hätte dieselbe freilich keine Ahnung gehabt.80 Während Schwester Magdalene, die Küchenvorsteherin, "der Schrecken aller neuen Probeschwestern" gewesen sei, weil sie "entsetzlich böse"81 werden konnte, hätte sich Schwester Luise Schade, die Stationsschwester der Kinderstation, den neuen Probeschwestern gegenüber, die sie anlernen sollte, sehr "unliebenswürdig" benommen. So sei dieselbe, sobald eine Lernschwester nach einmaligem Vormachen die Pflege nicht gleich so ausführte wie sie es wollte, "in furchtbare Aufregung" geraten.82 Die Kritik traf auch die Stationsschwester der Frauenstation, Bertha Racksack, die die ihr zur Anleitung übergebenen Probeschwestern "entsetzlich" gequält habe, indem man ihr nichts hätte recht machen können. Überall hätte sie nur Staub, Schmutz und Unordnung gesehen und die Schülerinnen "beständig gescholten".83 Adelheid Louise Bandau berichtet auch über Schwester Ida, die Vorsteherin des Pensionats in Hilden, die "eine reine Null" gewesen sei. Dieselbe hätte ihr Regiment lediglich im Stillen an den jüngeren, neuangekommenen Schwestern gezeigt. Hierbei hätte sie immer wieder Dinge angeordnet, die weder Hand noch Fuß gehabt hätten, "weil sie nie aus einer Nothwendigkeit hervorgingen, sondern nur aus dem Wunsche zu befehlen."84 Nicht nur Kritik, sondern schwerste Vorwürfe erhebt Adelheid Louise Bandau schließlich auch gegen die Vorsteherin des Waisenhauses in Altdorf, Schwester Friederike Unhold, die sie als "rohe, gefühllose Person" beschreibt. Dieselbe sei auch eine Heuchlerin gewesen, die ihre Stellung nur dazu benutzt hätte, "um für sich ein recht bequemes und angenehmes Leben zu führen". Die Waisenkinder wären grundlos von ihr geprügelt und an den Ohren gerissen worden. Hierbei hätte sie manchmal so lange geschlagen, bis ihr der Arm lahm geworden wäre. Ferner hätte sie vornehme Leute in der Stadt besucht und sich von diesen zu Mahlzeiten einladen lassen, obwohl dies laut Hausordnung streng verboten war.85


8.3 Kritik an der Anstaltsleitung

Den größten Unmut und Zorn zog sich Adelheid Louise Bandau freilich mit ihrer offenen Kritik an der Anstaltsleitung der Kaiserswerther Diakonissengemeinschaft zu. Ihres Erachtens bildete die Kaiserswerther Anstalt "einen kleinen Staat für sich; der Inspector [Pastor Disselhof] war unbeschränkter Herrscher und Oberster im Reich".86 An verschiedenen Stellen beschreibt sie denselben "als hochmüthig, gereizt, erbittert, dünkelhaft und geringschätzig gegen Andere". Seine Predigten hätten zwar von scharfem Verstande und geübtem Denkvermögen gezeugt, doch der christlichen Milde entbehrt. So hätte er teure Bibelsprüche oft wie Kieselsteine benutzt, um Einem an den Kopf zu schleudern. Die unangenehmsten Stunden im Seminar seien immer die von Pastor Disselhof gewesen, weil er die Schülerinnen regelrecht "quälte". Auch hätte er sehr zornig werden können, so daß die Schülerinnen vor ihm zitterten.87 Drei Punkte störten Adelheid Louise Bandau besonders an Disselhoff:

"Erstens der Eigendünkel, der darin liegt, indem er so viel von seiner Person, seiner Krankheit und seiner Stellung zu den Schwestern spricht. Zweitens das Schautragen einer Sorge und Liebe für die Schwestern, von der ich wenigstens und mit mir noch viele Andere im persönlichen Verkehr nie eine Spur sahen, und drittens endlich die dringende Aufforderung, sich stets offen und rückhaltlos gegen ihn auszusprechen. Hierzu wurde man fast in jedem Quartalsheft ermahnt, doch wehe Einem, wenn man sich gegen Pastor D. offen aussprach, der gar keinen Zweifel an seiner Unfehlbarkeit aufkommen ließ. Man bekam dann eine solche Antwort, daß man es zum zweiten Mal nicht wagte."88

Wie der Vater, seien im übrigen auch seine Kinder "eingebildet, dünkelhaft, geringschätzig" sowie "äußert hochmüthig und unliebenswürdig" gewesen.89


8.4 Kritik an der Hausordnung

Nach Ansicht von Adelheid Louise Bandau war die Hausordnung der Kaiserswerther Diakonissenanstalt "äußerst streng". In diesem Zusammenhang beklagte sie vor allem "die schwere Arbeit bei kärglicher Kost".90 Ihrer Ansicht nach regierte der Eigennutz nicht nur die Welt, sondern auch die christliche Gemeinschaft von Kaiserswerth. Während dort das Gebot bestanden hätte, mit keiner ausgetretenen Diakonissin irgend welche Gemeinschaft zu pflegen, hätte sie öfters beobachten können, daß man von diesem Gebote für diejenigen früheren Diakonissen eine Ausnahme machte, "die der Anstalt noch entweder durch Geld oder durch die einflußreiche Stellung ihres Eheherrn, oder sonst auf irgend eine Weise nützlich waren."91 Ihr selbst sei hingegen nach ihrem Austritt verboten worden, an einer in Kaiserswerth stattfindenen Lehrerinnen-Konferenz teilzunehmen und mit den Diakonissen in Kaiserswerth Umgang zu haben.92

"Durch die vielen bitteren Erfahrungen, durch die Bemerkung, daß leider auch das scheinbar so fromme und gottgefällige Werk der Diakonissenanstalt durch die einseitige und oft unrichtige Auffassung seiner Träger so viel von dem eigentlichen Charakter einbüßt, war für mich der Glorienschein, mit dem Jahre lang der Diakonissenberuf in meinen Augen umgeben war, je mehr und mehr verblichen; die schönen Hüllen waren nach und nach gefallen und vor mir stand die Diakonissensache nicht mehr, wie sie es Jahre lang in meiner Einbildung war, nicht, wie sie es noch meistens in den Augen der Laien ist, kurzum nicht, wie sie sein sollte, sondern wie sie es wirklich ist, d.h. als ein Werk, das zwar Tausenden unter der leidenden Menschheit nah und fern in leiblichen und geistlichen Nöthen dient, bei den Schwestern aber durch die unrichtige Auffassung seiner Leiter eine unnatürliche systematische Willensunterdrückung erzeugt; keine Individualität zur Geltung kommen läßt, den freien menschlichen Geist in enge Formen bannt und damit selbst die Hauptaufgabe der Anstalt, die freie Liebesthätigkeit, oft in zu eng gezogene Schranken spannt. [...] Aber wozu dient dieses Berauben jeder persönlichen Freiheit? wozu das Abschließen von der Außenwelt, indem in der Hausordnung ausdrücklich jeder intime Verkehr mit Nichtdiakonissen streng verboten ist? wozu endlich die höchst unvortheilhafte, auffallende Kleidung? Es ist doch im Grunde genommen nichts Anderes, als ein protestantisches Nonnenthum, obgleich man in K[aiserswerth] stets so viel von der evangelischen Freiheit spricht und sich in der Theorie so entschieden gegen jeden Klosterzwang auflehnt, während man ihn in der Praxis ausübt. Man beruft sich in allen Gebieten und Verordnungen auf die Bibel, die die Grundlage des ganzen Diakonissenwerkes bilden soll. Leider habe ich jedoch Vieles gefunden, was geradezu dem Evangelium widerspricht."93

Ein Beispiel hierfür sah Adelheid Louise Bandau etwa in den Verhältnissen im Altendorfer Waisenhaus, wo die mangelnde Beleuchtung "auf eine schreckliche Weise" den Tod eines Kindes herbeigeführt hatte. Die dort lebenden Kinder seien völlig unzureichend ernährt worden, obwohl sie während der Erntezeit "in der brennenden Sonnengluth sehr schwer arbeiten" mußten; dazu sei noch "das leidige Stoppelfeld gekommen, in dem sie sich "die nackten Füße blutig ritzten".94


9. Sinneswandel I

Zehn Jahre nach dem Erscheinen ihres in verlegerischer Hinsicht überaus erfolgreichen Buches war bei Adelheid Louise Bandau dann scheinbar ein massiver Sinneswandel eingetreten. Sie zog überraschend das Werk aus dem Buchhandel zurück, kaufte alle noch verfügbaren Exemplare auf, verbrannte sie, und sprach öffentlich ihr Bedauern darüber aus.95 Zu ihrem Verhalten schrieb sie am 21. August 1891 aus Bukarest der Direktion des Muttershauses in Kaiserswerth den folgenden, als Manuskript gedruckten Brief:

"Im Gefühl tiefster Reue und aufrichtigster Buße wage ich es, diese Zeilen an Sie zu richten. Es sind jetzt 10 Jahre her, daß ich durch die Veröffentlichung des berüchtigten Buches '12 Jahre als Diakonissin' einen ungeheueren Frevel an der heiligen Diakonissensache beging, ein Frevel, der um so größer war, als ich dem Diakonissenhause, das mir in jeder Hinsicht zur Heimat wurde, unendlich viel zu verdanken habe. Ich habe durch meine Handlungsweise die heiligsten Pflichten mit Füßen getreten und die edelsten und besten Menschen, denen ich zu unendlichem Dank verpflichtet war, aufs Tiefste beleidigt. Ich kann und will mein Vergehen in keiner Weise entschuldigen und rechtfertigen, nur das Eine muß ich bemerken, daß das Buch ohne mein Willen durch eine mir nahe stehende Persönlichkeit der Öffentlichkeit übergeben wurde. Ich selbst habe später Hunderte von Exemplaren gekauft um sie zu verbrennen, und alles aufgeboten, um die weitere Verbreitung zu verhindern. Zehn Jahre lang leide ich an den furchtbarsten Gewissensqualen, die mich trotz meiner äußeren günstigen Verhältnisse zu keiner wahren Freude kommen lassen. Ich möchte mit meinen Tränen jedes Wort das ich geschrieben habe, auslöschen".96

Am Ende ihrer Ausführungen bat sie "fußfällig alle diejenigen um Verzeihung, die ich in diesem Buche beleidigt habe, Herrn Pastor [Julius] Disselhoff, Schwester Mina Fliedner, die ganze Familie Fliedner, alle Kaiserswerther Diakonissen, alle mit Kaiserswerth verbundenen Anstalten und alle Personen, welche ich angegriffen habe".97

Wie sehr der Sinneswandel Adelheid Louise Bandau beschäftigte zeigt sich darin, daß sie zum selben Sachverhalt bereits zwölf Tage später, am 8. September 1891, aus Bukarest erneut einen Brief nach Kaiserswerth schrieb, in dem es heißt: "Ja, wenn ich mit meinem Leben die Sache ungeschehen machen könnte, so wäre ich glücklich. [...] Ich bin mit Freuden zu jeglichem Opfer, zu jeder Sühne bereit".98 Dabei hatte sie zu der Angelegenheit bereits zwei Tage zuvor eine öffentliche Erklärung abgegeben und am 10. September 1891 in der Berliner "Kreuzzeitung" veröffentlicht:

"Hiermit erkläre ich öffentlich, daß ich das im Jahre 1881 von mir herausgegebene Buch '12 Jahre als Diakonissin' als durchaus verwerflich anerkenne. Ich bedauere aufs Tiefste, daß dieses Werk, dessen Inhalt ein Produkt unseeliger Verblendung und dessen Veröffentlichung die Folge eines beklagenswerten Irrtums war, jemals erschienen ist und den Feinden des Reiches Gottes als eine willkommene Waffe gedient hat. Diese meine Handlungsweise war um so verwerflicher, als ich der Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth für Zeit und Ewigkeit zu großem Dank verpflichtet bin. Die Anstalt steht mit ihren Leitern als eine Säule des Reiches Gottes, als eine Trägerin der wichtigsten und heiligsten Mission für die leidende Menschheit so groß und herrlich da, daß ich als ihre unwürdigste Dienerin am wenigsten dazu berufen war, die etwaigen kleinen Fehler und Schwächen, die allem Irdischen anhaften, mit schamloser Hand aufzudecken und an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich nehme daher öffentlich jedes Wort, das ich gegen die Anstalt geschrieben habe, zurück und bitte Gott, das Unheil, welches dieses verwerfliche Buch angerichtet hat, in Segen zu verkehren. Adelheid Bandau. Bukarest, den 6. September 1891".99


10. Sinneswandel II

Es ist erstaunlich, daß Adelheid Louise Bandau ihr Buch "Erfahrungen einer Diakonissin", dessen Herausgabe sie 1891 so bedauert und für das sie öffentlich Abbitte geleistet hatte, im Jahre 1915 im Leipziger Verlag Theodor Gerstenberg mit dem Titel "Erfahrungen einer Diakonissin. Treu dem Leben erzählt" erneut publizierte. Wie sie in dem Buch, das nun einen Umfang von 309 Seiten hat und in 53 Kapitel unterteilt ist, einleitend betont, war ihr ihre frühere Reaktion auf das Erscheinen des Buches sowie der öffentliche Widerruf mittlerweile "unbegreiflich", so daß sie sich nun beim Abfassen ihrer Lebenserinnerungen entschlossen hatte, den Hauptinhalt der Erstausgabe wieder aufzunehmen. Gleichzeitig hebt sie hervor, darin "wahrheitsgemäß" die Diakonissenverhältnisse zu schildern, "wie sie vor fünfzig Jahren in Kaiserswerth waren".100


11. "Bilder aus Rumänien"

Zum publizistischen Werk von Adelheid Louise Bandau gehört auch das Buch "Bilder aus Rumänien", das sie vor dem Hintergrund ihres längeren Aufenthaltes in Bukarest 1882 im Berliner Verlag Gustav Hempel veröffentlichte.101 Nach Ansicht von H. Kletke liefert sie mit dem Buch, das einen Umfang von 120 Seiten hat und in 14 Kapitel unterteilt ist, "einen trefflichen Beitrag zur Kenntnis der Sitten und Einrichtungen des Landes".102 Zunächst führt Adelheid Louise Bandau ihrer Leserschaft einige Gesamteindrücke der rumänischen Hauptstadt (Bukarest) vor Augen. In einzelnen Kapiteln schildert sie dann Gebräuche und Feste im Land wie beispielsweise die Wasserweihe in Bukarest, Nationaltänze, einen Jahrmarkt, die Feste an Karfreitag und Ostern, eine griechisch-orientalische Kindstaufe, die Feierlichkeiten beim Tode eines rumänischen Bischofs, ein rumänisches Totenfest (Begräbnis), eine Brautwerbung und einen Polterabend. Ferner berichtet sie über das Kloster von Sinaia, ein rumänisches Gefängnis sowie die Königskrönung des rumänischen Herrscherpaares 1881. Besonders beachtenswert erscheinen hierbei ihre Ausführungen über die Wohltätigkeitsanstalten. Wenngleich Rumänien hinsichtlich seiner "Zivilisation in manchen Stücken hinter anderen Ländern Europa's" zurückstehe, schreibt sie, "so ist es bis jetzt hinsichtlich seiner Wohltätigkeitsanstalten, insonderheit seiner Krankenhäuser, manchen Nationen ein leuchtendes und zugleich zur Nachahmung mahnendes Vorbild geworden."103 Ausführlich berichtet sie über das Hospital in Bukarest:

"Es herrscht in demselben die größte Reinlichkeit, sowohl in den großen, luftigen Krankensälen wie auf den breiten, hellen, mit Teppichen belegten Treppen und Korridoren. Das Haus enthält 210 Betten, welche zu zwölf bis vierzehn an der Zahl in großen Sälen stehen; doch gibt es für Kranke besserer Stände auch besondere Zimmer. Bis jetzt hat sich sowohl dieses wie die andern Hospitäler ausreichend für das Bedürfnis gezeigt; es sind noch immer vakante Plätze vorhanden. Die Bettstellen sind von Eisen und mit recht guten Matratzen und sonstigem Bettwerk versehen. In den Statuten heißt es: 'Die Kranken sollen auf dem feinsten Leinen liegen und die theuersten und besten Weine trinken.' Wird auch diese Regel nicht buchstäblich befolgt, so werden die Patienten doch im Ganzen recht gut versorgt, was durch die reichlichen Mittel sehr leicht ermöglicht wird; denn beide Häuser [d.h. das besagte Hospital sowie ein "Asyl für Pfründnerinnen", HK] haben 700000 Francs Revenuen jährlich.

Weniger gut steht es um die persönliche Krankenpflege, da für dieselbe ungebildete rumänische Frauen angestellt werden, denen häufig zu einem so schweren Berufe, wenn auch nicht die Geschicklichkeit, so doch die Opferfreudigkeit, Hingebung und Pflichttreue abgeht; wenigstens habe ich die Aerzte oft darüber klagen hören.

Unsere edle Königin ist jetzt aufs Eifrigste bemüht, auch diesem Uebelstande Abhilfe zu schaffen, indem sie eine Anstalt für rumänische barmherzige Schwestern gegründet hat. Augenblicklich befinden sich in derselben neun Mädchen, welche unter ärztlicher Anleitung einen praktischen Lehrkursus im Brankowan-Spital durchmachen.

Ob es in Rumänien gelingen wird wie in andern Ländern, ein Heer freiwillger Krankenpflegerinnen ins Leben zu rufen, ist freilich eine Frage der Zeit. In dieser Hinsicht sind hier wenig günstige Vorbedingungen vorhanden und viele im Volkscharakter liegende Schwierigkeiten zu überwinden."104

Mit diesen Ausführungen hat Adelheid Bandau der Nachwelt einen interessanten Einblick in die stationäre Krankenversorgung sowie die Krankenpflege in der rumänischen Hauptstadt (Bukarest) am Ende des 19. Jahrhunderts hinterlassen.


12. Resümee

Der in mancher Hinsicht sehr ungewöhnliche Lebensweg von Adelheid Louise Bandau und ihre Auseinandersetzung mit dem Diakonissenwesen, wie sie vor allem auch in ihren wechselvollen Reaktionen auf ihre publizistische Tätigkeit zum Ausdruck kamen, lassen sich am ehesten wohl sozialpsychologisch deuten. Auf der Flucht aus einem mehr als schwierigen Elternhaus war ihr die Diakonissenanstalt Kaiserswerth zunächst eine schützende Zufluchtsstätte, zumal bei ihrer Entscheidung für den Eintritt in das Mutterhaus, wie der Lebenslauf zeigt, religiöse Gründe eine entscheidende Rolle spielten. Im Verlauf ihrer mehr als zehnjährigen Tätigkeit als Diakonissin erkannte sie als kluge und aufgeweckte Frau dann eine Reihe kleinerer und größerer Widersprüche in ihrem "Verein", so daß sie die Freude an ihrem Beruf verlor und konsequenter Weise - trotz aller zur damaligen Zeit damit verbundenen Schwierigkeiten - ausstieg, um künftig als "freie, selbständige Lehrerin" zu arbeiten. Da sich Adelheid Louise Bandau freilich der Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth "für Zeit und Ewigkeit zu großem Dank verpflichtet" sah, erscheint es nur verständlich, daß sie nach ihrem Austritt und vor allem nach dem Erscheinen ihres Buches früher oder später "an den furchtbarsten Gewissensqualen" litt. Nur so läßt sich dann auch ihr massiver Sinneswandel erklären. Dem Druck, der innerlich auf ihr lastete nicht mehr standhaltend, widerrief sie schließlich ihr Buch öffentlich, um ihr damit begangenes Verhalten - der in publizistischer Form begangene Verrat an der 'guten Sache' der Diakonie - scheinbar ungeschehen zu machen. Dies erklärt zugleich ihr Bemühen, in der Folgezeit mit dem Mutterhaus in Kaiserswerth in gutem Einvernehmen zu verbleiben. Erst in reiferem Lebensalter war es Adelheid Louise Bandau dann vergönnt, sich soweit von ihrer früheren Lebensgemeinschaft zu lösen, daß sie ihr Buch nun erneut publizieren und zu ihm stehen konnte.

Zur Geschichte des Diakonissenwesens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben die Veröffentlichungen von Adelheid Louise Bandau als authentische Quelle eine große Bedeutung, die allerdings von der historischen Pflegewissenschaft bislang kaum wahrgenommen wurden.



Anschrift des Verfassers

Dr. Hubert Kolling

Hirtenweg 9

D-96231 Staffelstein
Dr.Hubert.Kolling@t-online.de


back home


1Vgl. Schmidt, Jutta: Die Diakonissenfrage im Deutschen Kaiserreich. In: Strohm, Theodor/Thierfelder, Jörg (Hrsg.): Diakonie im Deutschen Kaiserreich (1871-1918). Neuere Beiträge aus der diakoniegeschichtlichen Forschung. Heidelberg 1995, S. 308-329.

2Zu erwähnen sind hier insbesondere die Aufsätze "Die weibliche Diakonie und die Frauenfrage" (in: Christliche Welt, 7. Jg., 1893, Nr. 25, S. 600-607 [Teil 1] und 7. Jg., Nr. 26, S. 628-631 [2. Teil und Schluß]. Wiederabdruck in: Protestantische Kirchenzeitung, 41. Jg., 1894, Nr. 28, S. 662-664; Nr. 29, S. 684-689; Nr. 30, S. 710-715; und Nr. 31, S. 727-734) und "Evangelische Diakonie, Diakonissenhaus und Diakonieverein" (in: Der Protestant, 2. Jg., 1898, Nr. 16, S. 322-325; Nr. 17, S. 343-348; und Nr. 18, S. 363-366).
Zur Biographie von Elisabeth Malo vgl. Markert-Wizisla, Christiane: Elisabeth Malo. Anfänge feministischer Theologie im wilhelminischen Deutschland (= Theologische Frauenforschung - Erträge und Perspektiven, Bd. 4). Pfaffenweiler 1997; und Kolling, Hubert: Elisabeth Malo (1855-1930) und ihr Einfluß auf die Krankenpflege. In: Pflegegeschichte online Nr. 2 [www.pflegegeschichte.de], 2. Jg. (2000), S. 6-8.

3Zu nennen ist hier insbesondere ihr Artikel "Über den Mangel an Diakonissen", der am 28. September 1899 in der Tageszeitung "Tägliche Rundschau" erschien.
Zur Biographie von Elisabeth Gnauck-Kühne vgl. Böhm, Irmingard: Elisabeth Gnauck-Kühne. In: Maier, Hugo (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit. Freiburg im Breisgau 1998, S. 205-206.

4Vgl. zum Beispiel Gemberg, Adine: Aufzeichnungen einer Diakonissin. Berlin 1896.

5Vgl. Baumann, Ursula: Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland 1850 bis 1920 (= Reihe "Geschichte und Geschlechter", Bd. 2). Frankfurt am Main, New York 1992, S. 73.

6Leithold, Friederike: Erinnerungen aus meinem Diakonissenleben. Nach ihren Aufzeichnungen bearbeitet von Luise Freifrau von Ketelhodt. Leipzig 1899 (Zweite umgearbeitete, billige Volksausgabe. Leipzig 1905). Zur Biographie von Friederike Leithold vgl. Kolling, Hubert: Friederike Leithold. In: Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. "Who was who in nursing history", Band 2, München, Jena 2001, S. 136-137.

7Bandau, Adelheid: Zwölf Jahre als Diakonissin. Berlin 1881 (Zweite Auflage 1881; dritte Auflage 1882). Das Zitat stammt aus der Einleitung ihres Buches: Erfahrungen einer Diakonissin. Treu dem Leben erzählt. Leipzig 1915, S. 2

8Kolling, Hubert: Adelheid Louise Bandau. In: Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. "Who was who in nursing history", Band 2, München, Jena 2001, S. 10-12.

9Diakoniewerk Kaiserswerth, Fachbibiliothek für Diakonie und Fliednerarchiv (Anschrift: Alte Landstraße 179, 40489 Düsseldorf). Personalakte Adelheid Bandau. Im folgenden als "Archiv" zitiert. Dort findet sich auch eine Abbildung, die aufgrund der hohen Gebühren hier leider nicht veröffentlicht werden kann.

10So spricht Adelheid Bandau in ihren Veröffentlichungen an verschiedenen Stellen (z.B. Bandau I, S. 272, S. 318 und S. 322 sowie Bandau II, S. 34 und S. 302) von Mitteilungen, die sich in ihrer Personalakte nicht wiederfinden.

11Um den Anmerkungsapparat nicht unnötig aufzublähen, werden die Schriften nachfolgend mit Bandau I, Bandau II und Bandau III, jeweils mit Seitenangabe, zitiert.

12Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864.

13Bandau II, S. 5-6. Adelheid Bandau erhebt schwere Vorwürfe gegen ihre Stiefmutter, indem sie sie für den Tod an ihrer Schwester verantwortlich macht. Ebd., S. 12.

14Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864.

15Bandau I, S. 1.

16Bandau II, S. 11 und S. 13. "Sie schlug uns bei jeder Gelegeneit und hatte niemals ein freundliches Wort für uns." Ebd. S. 11. Vgl. auch ebd., S. 14 und 15. "Mein Leben war von diesem Zeitpunkte an nur noch ein Martyrium." Ebd., S. 16.

17Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864.

18Bandau II, S. 21-22.

19Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864.

20Bandau II, S. 27 und S. 30-31.

21Bandau II, S. 32.

22Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864; vgl.auch Bandau II, S. 33-34.

23Archiv: Lebenslauf vom 9. April 1864.

24Bandau I, S. 53-54; und Bandau II, S. 88.

25Bandau I, S. 116; und Bandau II, S. 141.

26Vgl. Ruth Felgentreff: Caroline Fliedner, in: Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“. Berlin, Wiesbaden 1997, S. 51

27Bandau I, S. 113; und Bandau II, S. 139.

28Bandau I, S. 19; und Bandau II, S. 55-56.

29Bandau I, S. 27; und Bandau II, S. 62-63.

30Bandau I, S. 30; und Bandau II, S. 67.

31Bandau I, S. 35; und Bandau II, S. 71.

32Bandau I, S. 57-58 und S. 64-65; und Bandau II, S. 91 und S. 98.

33Bandau I, S. 57; und Bandau II, S. 91.

34Die Kaiserswerther Seminare. Erinnerungen aus neun Jahrzehnten der Kaiserswerther Lehrerinnen-bildung. Im Auftrage der Direktion der Diakonissenanstalt hrsg. von Luise Fliedner und Karl Mützelfeldt, Leiter der Kaiserswerther Schulanstalten. Kaiserswerth 1928, S. 189.

35Bandau I, S. 119; und Bandau II, S. 144.

36Bandau I, S. 119 und S. 127; und Bandau II, S. 144.

37Bandau I, S. 130 und S. 151.

38Bandau I, S. 158; und Bandau II, S. 179.

39Bandau I, S. 162; und Bandau II, S. 183.

40Bandau I, S. 177 und S. 181; und Bandau II, S. 197-198.

41Bandau I, S. 196; und Bandau II, S. 206.

42Bandau I, S. 213; und Bandau II, S. 223.

43Bandau I, S. 217; und Bandau II, S. 226.

44Bandau I, S. 258; und Bandau II, S. 247.

45Bandau I, S. 275, S. 294 und S. 320-321; und Bandau II, S. 263 und S. 277.

46Vgl. Schmidt, Jutta: "Die Frau hat ein Recht auf die Mitarbeit am Werke der Barmherzigkeit". In: Röper, Ursula/Jüllig, Carola (Hrsg.): Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848-1998. Im Auftrag des Deutschen Historischen Museums und des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben. Berlin 1998, S. 138-149, hier S. 143.

47Bandau I, S. 272; und Bandau II, S. 260.

48Bandau I, S. 272; und Bandau II, S. 260.

49Bandau I, S. 272; und Bandau II, S. 260.

50Bandau I, S. 273; und Bandau II, S. 261.

51Bandau I, S. 281; und Bandau II, S. 268.

52Vgl. Horst-Peter Wolff: Georg Heinrich Theodor Fliedner, in: ders. (Hrsg.), Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte, S. 52.

53Bandau I, S. 284; und Bandau II, S. 271.

54Bandau I, S. 280; und Bandau II, S. 268.

55Bandau I, S. 284-285; und Bandau II, S. 272.

56Bandau I, S. 318; und Bandau II, S. 299.

57Bandau I, S. 321; und Bandau II, S. 302.

58Archiv: Schreiben von Adelheid Bandau vom 19. April 1876.

59Archiv: Zeugnis für Adelheid Bandau vom 5. Mai 1876.

60Archiv: Schreiben von Adelheid Bandau an Pfarrer Disselhof vom 1. Juli 1877.

61Bandau II, S. 302 und 303; und Bandau I, S. 322.

62Bandau I, S. 322; und Bandau II, S. 303.

63Bandau II, S. 304-306.

64Bandau II, S. 308.

65Eine entsprechende Anfrage bei der Evangelischen Kirche in Bukarest - Schreiben von Stadtpfarrer Christian Plajer vom 19. Mai 1999 an den Verfasser - brachte keinen neuen Erkenntnisse.

66Archiv: Schreiben von Disselhoff an Bandau vom 18. Juni 1895.

67Archiv: Schreiben von Disselhoff an Bandau vom 18. Juni 1895.

68Bandau II, Anzeige am Ende des Bandes. Das Buch ist scheinbar nicht erschienen, zumindest läßt es sich bibliographisch nicht nachweisen.

69Entsprechende Anfragen beim Landeseinwohneramt in Berlin (Schreiben vom 2. November 1998), beim Landesarchiv Berlin (Schreiben vom 20. September 1999), beim Evangelischen Zentralarchiv in Berlin (Schreiben vom 16. November 1999), beim Stadtarchiv Düsseldorf (Schreiben vom 21. Oktober 1999) und beim Archiv des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchen in Deutschland in Berlin (Schreiben vom 22. November 1999) verliefen allesamt ergebnislos. Das Ansinnen, einen diesbezüglichen "Suchaufruf" zu veröffentlichen, lehnten die Fachzeitschriften vom Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf "Die Diakonieschwester" (Schreiben vom 21. Dezember 1999) und vom Diakoniewerk Kaiserswerth "Der weite Raum" (Telefonische Mitteilung an den Verfasser vom 6. Januar 2000) ab.

70Vgl. Schmidt, Jutta: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert (= Reihe "Geschichte und Geschlechter", Bd. 2). Frankfurt am Main, New York 1995, S. 207, die für den Zeitraum von 1836 bis 1895 die Zahl der ausgetretenen Diakonissen in Kaiserswert mit 451 angibt.

71Angabe nach Einleitung II, S. 1.

72Archiv: Schriftstück vom 3. Mai 1881; und Bandau II, S. 2.

73Archiv: Schriftstück vom 3. Mai 1881.

74Archiv: Zeitungsausschnitt. Weitere Angaben zur besagten Zeitung fehlen.

75Schmidt, Jutta: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert (= Reihe "Geschichte und Geschlechter", Bd. 2). Frankfurt am Main, New York 1995, S. 183.

76Ebd., S. 174.

77Bandau I, S. 6; und Bandau II, S. 42.

78Bandau I, S. 68; und Bandau II, S. 101-102 und S. 276.

79Bandau I, S. 176; und Bandau II, S. 195-196.

80Bandau I, S. 10-12; und Bandau II, S. 48.

81Bandau I, S. 22-23; und Bandau II, S. 59.

82Bandau I, S. 25-26; und Bandau II, S. 63.

83Bandau I, S. 30-31; und Bandau II, S. 67.

84Bandau I, S. 128; und Bandau II, S. 153.

85Bandau I, S. 132-135; und Bandau II, S. 159.

86Bandau I, S. 239.

87Bandau I, S. 14-15 und S. 95-96; und Bandau II, S. 52 und S. 65.

88Bandau I, S. 247.

89Bandau I, S. 239.

90Bandau I, S. 17 und S. 28; und Bandau II, S. 53-54.

91Bandau I, S. 183.

92Bandau I, S. 322-323.

93Bandau I, S. 270-272; und Bandau II, S. 258-260.

94Bandau I, S. 139-140 und S. 147-148; und Bandau II, S. 163-165 und S. 171.

95Bandau II, S. 2.

96Archiv: Gedrucktes Schriftstück, Bukarest, vom 21. August 1891.

97Archiv: Gedrucktes Schriftstück, Bukarest, vom 21. August 1891.

98Archiv: Gedrucktes Schriftstück, Bukarest, vom 8. September 1891.

99Archiv: Kreuzzeitung Nr. 422 vom 10. September 1891.

100Bandau II, S. 1 und 2.

101Bandau, Adelheid: Bilder aus Rumänien. Berlin 1882.

102Bandau III, Vorwort, S. III.

103Bandau III, S. 88.

104Bandau III, S. 91-92.